Bild, VN C.Weidel Bild VN, B.Höcke

04.10.2019  In Schnellroda
Alice Weidel‘s heimliche Kritik an Björn Höcke


Alice Weidels Vortag im Rahmen der Sommerakademie des Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda, der Neu-Rechten Denkfabrik ist erhellend und ernüchternd zugleich. Um es vorweg zunehmen: In der Analyse der Problemlage liegt Weidel richtig; nur vom Ziel „Land zurückholen und Sicherung der Existenz des deutschen Kulturvolkes, wie noch am 05.04.2019 im Bundestag vom AfD- Abgeordneten Marc Jongen beschrieben, ist keine Rede mehr. Zwischen den Zeilen ein Kotau vorm politischen Gegner und Kritik an Björn Höcke
„Auch wenn sie in den Medien wahrscheinlich nichts davon gehört haben, wir kümmern uns um alle Politikbereiche“ so Alice Weidel, womit sie freilich ungewollt schon ein Hauptproblem vorweggenommen hat: Jedes im Bundestag gesprochene Wort, das nicht die Massen erreicht, ist politisch unausgesprochen. Was sie später auch im Vortrag beklagen wird. Was will die AfD? Weidel spricht fortwährend in der Wir-Form. „Wir wollen etwas bewegen in diesem Land, wir wollen etwas verändern und zum Besseren weiterentwickeln, das ist unser originärer Auftrag.“ Hört sich gut an, ist aber vor dem Hintergrund der tatsächlichen Entwicklung zu wenig, es sei denn, man will gar nicht mehr „sein Land zurückholen“, wie es noch einst Gauland formulierte. Und dann kommt etwas Entscheidendes: Für Revolution sei kein Platz in der AfD, weil man den parlamentarischen Weg beschreite, ist noch verständlich aber: „Großdemonstrationen und die Mobilisierung der Straße, passen ebenfalls schlecht zu diesem Weg.“ zeigt eine fatale Fehleinschätzung der tatsächlichen Werk-Möglichkeiten der Partei. Auch ihre Begründung ist so informativ, wie ernüchternd: „Das haben u.a. die Vorgänge um Trauermärsche nach dem Messermord in Chemitz gezeigt.“ sagt Weidel und goutiert damit die Deutungshoheit des Mainstreams inklusive des politischen Gegners, der damit erfolgreich ein legales politisches Instrument der AfD aus der Hand genommen hat, sollte dies tatsächlich Auffassung der ganzen Partei sein. Ein Kotau, bei Lichte besehen und Kritik an Björn Höcke, der mit Patrioten demonstriert hatte.
Denn „Politiker haben andere Möglichkeiten sich zu äußern“, wie Weidel meint. Wie beruhigend. Naiv ist Weidel nicht. Meinte sie das vom Publikum? Dabei ist doch inzwischen klar: Die AfD-Vertreter können sich im Bundestag „äußern“ fast wie sie wollen. Es ist politisch egal, wie Jongs Rede bestens bewies, der sich weit über das hinaus wagte, was Höcke in seiner Skandal-180-Grad Rede zur „Erinnerungspolitik“ je gesagt hatte. Nur: Jongesn Rede ist so brisant, dass sie die Massen nie erreichte, weil der Mainstream dies nicht zuließ. Sollte das Alice Weidel entgangen sein?

Dann erfährt man weiter, was die Partei eigentlich jetzt noch will: die „deformierte rechtsstaatliche Ordnung wiederherstellen“. Da fragt man sich, mit wem und welchen Richtern? Will die AfD so lange „durchhalten“, bis ihr Einfluss auf die Besetzung von hohen Richterämtern , ähnlich der Altparteien ist? Was dann Weidel an Analyse des Ist-Zustandes der Republik und Umgang mit der AfD abliefert ist alles richtig nur wenn sie sagt: „Wir beantworten Kampagnen mit Gegenkampagnen “ und: „Wir schaffen uns eine Gegenöffentlichkeit durch neue Medien“ muss sie sich fragen lassen, wie realistisch sie in dem Fall ist, was die Wirk-Mächtigkeit dessen angeht, was die Partei bislang leisten konnte; unschwer an den Zugriffszahlen, aber besser noch an dem, was davon in Google und bei den Massen ankommt, zu erkennen. Der Hauptgrund für die AfD-Wähler ist und bleibt vermutlich auch eben nicht die relativ wenig wahrnehmbare, eigene Öffentlichkeitsarbeit der AfD, sondern die Unzufriedenheit der Menschen über die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Dabei hatte die AfD doch noch vor den Bundestagswahlen das Konzept eines Newsroom mit 20 Mann rund um die Uhr und eigenem TV auf eigenen Servern. Und war es nicht Frau Weidel, die den Mann für dessen Aufbau, Thorsten Schulte, schasste ? Und genau wurde dieses Projekt nicht schon damit beerdigt, indem man jemand, der es nun gar nicht brachte, dafür einstellte?
Weidel spricht von „Durchhalten, sich im politischen Betrieb festsetzen“ bis man mal regieren könne, geißelt den Kulturmarxismus contra bürgerliche Freiheit, spricht von Grenzen schließen, Asylrecht ändern, Islamisierung abwenden, Euro abwickeln und direkte Demokratie, sagt so schlaue Sachen wie „Aufklärung ist das Gegenstück zum linken Moral- und Tugendterror“ spricht aber schon nicht mehr vom „Volk“, wenn sie sagt „Die Feinde der Aufklärung und offenen Gesellschaft stehen heute links!“, und hat entweder etwas mit Horst Seehofer gemein oder scheint eines nicht begriffen zu haben: Auch wenn die AfD 40% bekäme, würde sie parlamentarisch nichts von dem erreichen können, was sie zuvor gesagt hatte.
Nur über die Botschaften in die Masse bringen, mit tatsächlicher eigenen Gegenöffentlichkeit kann die Partei politische Impulse der Veränderung setzen und das geht eben nur mit der Mobilisierung der Straße und Großdemonstrationen und vor allem Kampf um die Deutungshoheit der Werte der Verfassung. Gar nicht geht das mit der Übernahme der Deutung des politischen Gegners.



(LC)